Virtual First? Gibt es so etwas wie zu viel remote?

In einem lesenswerten Interview mit dem US-amerikanischen Tech-Magazin Computerworld hat sich Andy Wilson, seines Zeichens Director New Product Solutions bei Dropbox, zu Themen der dezentralen Arbeit zu Wort gemeldet. Dabei geht Wilson näher auf die Gründe ein, warum das Unternehmen sich bereits relativ früh in der Corona Pandemie – im Oktober 2020 – für eine besondere Strategie entschieden hat: Virtual First! „Virtual First ist ein sehr durchdachter Prozess“, so Wilson im Interview. „Wir haben uns nicht einfach hingesetzt und gesagt: „Wir sind jetzt alle remote, lasst es uns einfach so belassen.“ Wir sprachen mit vielen anderen Unternehmen, die bereits vor der Pandemie dezentral gearbeitet haben und fragten sie nach Erfolgsfaktoren, was für sie herausfordernd war und welche Prozesse sie eingeführt wurden. Anhand dieser Gespräche begannen wir, unsere neue Unternehmensstrategie aufzubauen. Für Dropbox bedeutet Virtual First, dass unser Hauptarbeitsplatz dezentral ist, jedoch bedeutet es nicht, dass wir nie zusammenkommen. Wir haben unsere Büros durch Studios ersetzt, damit Mitarbeitende zusammenkommen können, um mit ihren Teams zusammenzuarbeiten. Es war wichtig, dass die Leute nicht an fünf Tagen in der Woche den Gang ins Büro mit dem Gang ins Studio verwechselten. Wir wollen nicht, dass unsere Mitarbeiter sagen: „Ich bin jede Woche Montag und Dienstag im Studio“, da dies zu einer Neigung zur Nähe führt – diesen Weg wollten wir nicht gehen. Wir wollten diesen Ansatz der Fernarbeit wirklich leben und verstehen, was es bedeuten würde, wenn Menschen überall auf der Welt arbeiten würden, wo sie wollten.“

Fast zwei Jahre nach der Einführung der Virtual-First-Strategie hat das Unternehmen, laut Andy Wilson, drei bedeutende Lektionen gelernt:

  • Große Talente kommen von überall her und sind überall ansässig. Unternehmen müssen sich jedoch bemühen, sie zu finden und ein Umfeld schaffen, welches für Remote-Mitarbeitende offen und inklusiv ist. Wenn der Rest des Teams von neun bis fünf an fünf Tagen der Woche im Büro ist und eine Person einstellt, die beispielsweise in einem anderen Land ansässig ist – welche Rahmenbedingungen sollten eingeführt werden, damit sich der neue Mitarbeitende wie ein geschätztes, gleichberechtigtes Mitglied des Teams fühlt?
  • Man sollte stets sowohl über das persönliche Verhältnis als auch über das Arbeitsverhältnis nachdenken. Wenn sich beispielsweise ein Team um eine Reihe von Schreibtischen setzen würde, unterhielten sich vermutlich die meisten darüber, wie das Wochenende war oder was im Leben der Menschen vor sich geht. Auch in einer Remote-Umgebung sollte allgemeine Kameradschaft, die sich in einer Arbeitsumgebung aufbaut, nicht aus den Augen verloren werden. Man muss darüber nachdenken, wie man diese Dynamik in einer virtuellen Umgebung abbilden kann. Bei Dropbox werden beispielsweise regelmäßige Kaffeegespräche durchgeführt und bei einigen wöchentlichen Teamsitzungen werden Teilnehmer nach großen Lebensereignissen gefragt, welche außerhalb der Arbeit stattfinden.
  • Das dritte Learning besteht nach Wilson darin, unnötige und/oder ungewollte Meetings zu streichen. Man sollte sich die Frage stellen: „Welche sind die Meetings, die wirklich nötig sind?“ Rechtfertigt ein Ereignis wirklich das Einberufen eines Meetings?

Als Unternehmen deren Kernprodukt seit jeher eine Software-Lösung ist, die durch Datenmanagement dezentrales Arbeiten ermöglicht, ist die Entscheidung des Unternehmens, eine Virtual-First-Strategie zu verfolgen, natürlich naheliegend. Jedoch kommt auch in diesem Interview rüber, dass es vor allem wichtig ist, dezentrale Arbeits- und Organisationsformen flexibel und situationsangepasst zu gestalten. Die Form der Zusammenarbeit sollte demnach stets der Funktion angepasst sein. Führungskräfte sollten sich vor allem darauf konzentrieren, gemeinsam mit Mitarbeitenden die Organisationsform zu finden, die am besten zu den jeweiligen Aufgaben passt. Dabei kommt es auch besonders darauf an, technische und infrastrukturelle Umgebungen zu schaffen, die einen flexiblen Umgang mit verschiedenen Arbeitsmodellen erlauben – das betonen wir auch immer wieder in unseren Beratungsprojekten, die sich mit der erfolgreichen Einführung und Ausgestaltung dezentraler Arbeitsmodelle beschäftigen. Branchenübergreifend besteht diesbezüglich noch in vielen Unternehmen Handlungsbedarf – sprecht uns gerne an, falls Ihr in diesem Kontext den nächsten Schritt gehen möchtet!

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Über den Autor: Klaus Kock

Seit 2021 unterstützt Klaus als Marketing-Verantwortlicher das Team von doubleYUU. Dabei widmet er sich vor allem der Positionierung von doubleYUU in sämtlichen Kommunikationskanälen. Von Mittelständlern bis börsennotierte Unternehmen: Klaus kann auf eine 20jährige Beratungstätigkeit im Bereich Marketing, PR und integrierte Kommunikation für Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen zurückblicken – hat jedoch eine Vorliebe für dynamische Organisationen, die über den Tellerrand hinausschauen. Eigenschaften, die er an doubleYUU besonders schätzt.