Hand aufs Herz: Skalieren wir mit KI gerade nur unser Chaos? Mein Gastbeitrag in ERP Management als Plädoyer für den Mut zur echten Prozessarbeit.
Mal ganz ehrlich: Wer von uns fühlt sich momentan nicht ein wenig atemlos? Gefühlt im Stundentakt ploppen neue KI-Tools auf, die versprechen, unsere Arbeitswelt komplett auf links zu drehen. In meinen Gesprächen in Beratungsprojekten erlebe ich oft eine Mischung aus faszinierter Neugier und einer leisen, tief sitzenden Überforderung. Wir alle spüren: Da kommt etwas Großes. Aber wie kriegen wir das PS eigentlich auf die Straße, ohne dass uns der Motor um die Ohren fliegt?
Kürzlich durfte ich für das Magazin ERP Management einen Gastbeitrag schreiben. Und dabei ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass wir in der aktuellen KI-Debatte einen entscheidenden Faktor oft sträflich vernachlässigen: die Automatisierung als Fundament. Oder anders gesagt: den stillen Helden, ohne den aus beeindruckenden KI-Demos nur allzu oft teure Experimente werden.
Das Problem: Die glitzernde Demo vs. die harte Realität
Wir kennen das alle: Die KI-Demo im Workshop sieht fantastisch aus. Ein paar Klicks, ein pfiffiger Prompt, und plötzlich liefert das System – auf den ersten Blick – atemberaubende Ergebnisse, für die wir früher Tage gebraucht hätten. Das fühlt sich nach Zukunft an. Nach Fortschritt. Nach Aufbruch.
Doch wenn es dann darum geht, diese Lösungen in den echten Arbeitsalltag zu integrieren, landen wir oft unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Denn dort warten keine sauberen Demo-Datensätze und idealen Bedingungen, sondern gewachsene Strukturen, Medienbrüche, unklare Zuständigkeiten, Schattenlisten und Prozesse, die irgendwo zwischen „historisch gewachsen“ und „nie wirklich entschieden“ hängen geblieben sind.
Genau dort entsteht das, was viele inzwischen als „Pilot-to-Production-Gap“ beschreiben: KI-Initiativen starten mit viel Energie – und versanden dann, sobald der Schritt aus dem Experiment in die operative Realität ansteht. Nicht, weil die Technologie nichts kann. Sondern weil das Umfeld nicht tragfähig genug ist.
Meine vielleicht unbequeme These: KI ersetzt keine Prozessarbeit
Ich vertrete eine bewusst unbequeme Meinung: KI ist kein Ersatz für ordentliche Prozessarbeit. Im Gegenteil. KI wirkt wie ein Verstärker. Wenn wir KI auf ein System setzen, das von manuellen Workarounds, schlechter Datenqualität, unklaren Verantwortlichkeiten und brüchigen Abläufen geprägt ist, dann automatisieren wir keine Wertschöpfung. Wir skalieren Chaos.
Und manchmal kommt noch etwas dazu, das in der Euphorie gerne untergeht: Nicht jede KI ist automatisch die beste Lösung. Gerade in Kernprozessen, in denen Stabilität, Nachvollziehbarkeit und Verlässlichkeit entscheidend sind, ist saubere, deterministische Automatisierung oft der robustere Weg. KI kann enorm wirksam sein – aber eben nur dort, wo sie wirklich passt und auf einem belastbaren Fundament aufsetzt.
Bevor der KI-Hebel also greifen kann, müssen wir die Maschine bauen, an der er ansetzt. Das bedeutet: stabile End-to-End-Prozesse, verlässliche Daten, klare Governance und ein gemeinsames Verständnis darüber, wie Entscheidungen getroffen und Verantwortung getragen werden. Wer KI ohne dieses Fundament priorisiert, kauft sich Komplexität auf Kredit. Und die Zinsen zahlen wir später mit Frust, Reibungsverlusten und explodierenden Kosten.
Automatisierung ist nicht sexy – aber sie macht den Unterschied!
Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem: Automatisierung verkauft sich schlechter als KI. Sie hat weniger Glamour, weniger Wow-Effekt, weniger Bühnenlicht. Aber sie ist oft der entscheidende Unterschied zwischen einer Organisation, die KI sinnvoll nutzen kann – und einer, die sich im Aktionismus verliert. Denn Automatisierung übersetzt Strategie in Alltag. Sie sorgt dafür, dass Informationen fließen, Übergaben sauber funktionieren, Entscheidungen nicht im Nirgendwo hängen bleiben und Prozesse überhaupt erst anschlussfähig für intelligente Technologien werden.
Ohne diese Basis bleibt KI in vielen Unternehmen eine Art aufpolierter Aufsatz auf instabilen Strukturen. Mit ihr kann sie dagegen echte Wirkung entfalten. Auch in unseren doubleYUU-KI-Werkstätten spielt das Thema auch immer wieder eine wichtige Rolle – zuletzt mit dem Thema „Prozessautomation – so hilft KI heute.“
Transformation ist am Ende eine Frage der Haltung
Aber lassen wir die Technik für einen Moment beiseite. In meiner Beratungspraxis bei doubleYUU sehe ich immer wieder: Echte Veränderung beginnt nicht im Code, sondern im Kopf.
Es geht um Haltung. Um Führung. Um die Bereitschaft, nicht nur neue Tools einzuführen, sondern sich ehrlich mit der eigenen Organisation auseinanderzusetzen. KI hält uns dabei oft ziemlich schonungslos den Spiegel vor. Sie zeigt uns, wie gesund unsere Zusammenarbeit wirklich ist. Wo Silos regieren, Wissen gehortet wird und Verantwortlichkeiten diffus bleiben, dort bleibt auch der intelligenteste Algorithmus erstaunlich einfältig – schlicht, weil er keinen Zugang zu den Informationen und Strukturen bekommt, die er bräuchte.
Genau deshalb ist KI für mich immer vor allem auch ein Leadership-Thema: Wie schaffen wir Vertrauen statt Kontrolle? Wie fördern wir Lernen statt Absicherung? Wie bauen wir Organisationen, in denen Technologie Wirkung entfalten darf, weil Menschen bereit sind, Verantwortung, Wissen und Veränderung zu teilen?
Der Kompass: Transformation ganzheitlich denken
Damit wir uns in dieser Komplexität nicht verlieren, arbeiten wir mit einem klaren Ordnungsrahmen. Für uns ist das unser doubleYUU-Transformationsrad. Es erinnert uns daran, dass wir nicht nur an Tools schrauben dürfen. Wir müssen Strategie, Führung, Prozesse, Daten, Governance und vor allem das Mindset der Menschen gleichzeitig im Blick behalten. Automatisierung ist dabei nicht nur ein operatives Thema. Sie ist die verbindende Klammer zwischen strategischem Anspruch und gelebtem Alltag. Sie macht Transformation konkret. Und sie schafft überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass KI nicht nur punktuell beeindruckt, sondern nachhaltig Wert stiftet.
Ein Ausblick: Mehr Menschlichkeit durch die richtige Technik
Ja, das klingt nach Arbeit. Und ehrlich gesagt: Das ist es auch!
Aber ich glaube fest daran, dass genau darin die eigentliche Chance liegt. 2026 wird für mich nicht das Jahr sein, in dem die Maschinen übernehmen. Es kann das Jahr werden, in dem Führung klarer, mutiger und menschlicher wird – wenn wir bereit sind, die Grundlagen ernst zu nehmen.
KI kann uns helfen, Komplexität zu reduzieren, Muster sichtbar zu machen und Datenfluten zu strukturieren. Aber Bedeutung, Vertrauen, Verantwortung und Orientierung kommen nicht aus dem Modell. Sie kommen von uns. Wenn wir unsere Hausaufgaben bei Prozessen, Automatisierung und Governance machen, schaffen wir uns genau den Freiraum, den wir für echte Leadership-Arbeit brauchen: Orientierung geben, Verbindungen schaffen, Entscheidungen ermöglichen und gemeinsam lernen.
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