//Impulse bei der Otto Group: Innovation im Bestandsgeschäft – von Schachbrettern und Schiedsrichtern

Impulse bei der Otto Group: Innovation im Bestandsgeschäft – von Schachbrettern und Schiedsrichtern

Schneidersitz unfuck
Im letzten Jahr war ich als Speaker auf einer Menge Veranstaltungen. Das Buzzword war eindeutig „Disruption“ – ein Begriff, der wahnsinnig oft verwendet wird und fast ebenso oft falsch, aber dazu ein andermal. Worum es in den meisten Fällen geht, wenn von Disruption gesprochen wird, ist Innovation. Ein schönes Beispiel dafür war die Alumniveranstaltung der Otto Group Ende November, bei der ich für eine Keynote eingeladen war. Eine inspirierende Veranstaltung übrigens, danke an dieser Stelle für die zum Teil tollen anderen Vorträge, in deren Genuss ich kam.

Die Veranstaltung wurde vom Vorstandsvorsitzenden Hans-Otto Schrader eröffnet mit dem Hinweis, dass die Digitalisierung längst eine unüberschaubare Dimension angenommen hat. Er erzählt vom Erfinder des Schachspiels, der dieses bemüht, um die Anzahl von Weizenkörnern berechnen zu können (und sich am Ende an ihnen bereichert). Dafür werden auf jedes Feld doppelt so viel Körner gelegt, wie auf das davor liegende. Das Besondere: auf der ersten Hälfte des Spielfeldes ist der Anstieg der Weizenkörner (also Veränderungen) noch zu überblicken. Aber auf der zweiten Hälfte des Schachbretts sind die Veränderungen unüberschaubar geworden und jenseits aller Vorstellungskraft. Mit der Digitalisierung beschreiten wir laut Schrader nun die zweite Hälfte des Schachbrettes. Und damit eine Ära, die sich jenseits bekannter Veränderungsmuster entwickelt. Ein tolles Bild für das was uns erwartet.

Der Käse finanziert den Speck

Und da hat er ganz sicher Recht, man denke nur an Elektromobilität – so schnell kann man ja gar nicht gucken, wie neue Startups die herkömmlichen Produzenten alt aussehen lassen. Oder die Finanz- und Versicherungsbranche: Jahrelang haben viele geschlafen, jetzt schießen die Fintech-Startups aus dem Boden. Direkt vor mir sprach (wieder einmal 😉 ) Prof. Dr. Gunter Dück, ein ausgesprochen eloquenter und unterhaltsamer Vordenker im digitalen Umfeld. Er denkt die „Mäusestrategie“, vielen bekannt durch das Buch „Who moved my cheese“, weiter – und benennt den Titel um in „Who morphed my cheese“. Und zwar zum Speck. Hier übrigens die Sketchnote zu seinem Vortrag, erstellt von Kristine Kiwitt.

Innovation: Sketchnote

Was er damit sagen will: Es geht heutzutage nicht mehr darum, sich an mehr „Käseproduktion“ zu versuchen, sondern es geht darum, den Speck zu suchen, der langfristiger satt macht als immer weniger werdender Käse.

An dieser Stelle ergänze ich allerdings eine wichtige Erfahrung aus der Realität: Denn was heißt das denn für große Unternehmen, die nun innovativ sein sollen? Alles, was sie in den letzten Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten gemacht haben, soll über Bord geworfen werden? Weg mit dem Käse, jetzt machen wir Speck? So einfach ist das nicht. Vielmehr glaube ich, dass wir den Käse, nämlich das Bestandsgeschäft, auch so fit machen müssen, damit es die Investitionen in Specksuche ermöglichen kann. Unternehmen müssen zum Beispiel in der Lage sein, ihr Vorgehen permanent und schnell zu überprüfen, um zu neuen Wegen zu gelangen. Das geht aber nur im bestehenden Geschäftsfeld. Daraus entsteht Innovation – vielleicht Speck, vielleicht besserer Käse. Eine von mir oft vorgestellte, ganz praktische Methode dafür sind Retros, also das iterative Vorgehen mit regelmäßigen Retrospektiven. So kann in hoch komplexen Veränderungsstrukturen der bestehende Plan ständig elegant angepasst werden.

Problem: schnelle Umsetzung von Entscheidungen

Mein Nachredner Urs Meier beleuchtete das Thema Innovation von einer ganz anderen Seite und zog Analogien zum Fußball. Der ehemalige Schweizer Schiedsrichter und bekannte Fußball-WM-Fernsehkommentator sprach über Entscheidungen. Er betonte, dass viele Führungskräfte und Vorstände unter enormen Entscheidungsdruck stehen, der sie oft davon abhält, wirklich neue und richtige Entscheidungen zu treffen. Sie müssen, um in der Analogie zu bleiben, ständig pfeifen, ohne die Gesamtsituation vollständig überblicken zu können. Ein toller Vortrag, aber ich möchte ergänzen: Das Problem im Zusammenhang mit innovativen Entscheidungen ist aus meiner Sicht nicht die Entscheidung an sich – sondern die Umsetzung. Nur, weil ein Vorstand eine Marschrichtung ausruft (pfeift), heißt das in einem Wirtschaftsunternehmen noch lange nicht, dass etwas passiert, anders als im Fußball. Denn dazwischen liegen ja noch diverse Organisationsstufen, deren Funktionsinhaber zunächst ihre Pfründe sichern müssen. Wenn das geschafft, ist, kann vielleicht an der Umsetzung von Vorstandsvorgaben gearbeitet werden. Und in der Zeit hat Uber (et al.) dann das Geschäftsmodell am Markt. Hier helfen nur agile Methoden, wie zum Beispiel der FedEx-Day – ein Mitmachformat, das hierarchieübergreifend sehr schnell Entscheidungen in die Umsetzung bringt.

urs meier und willms buhse

Das Fazit für mich: Innovationen können nur in einem gesunden Bestandsgeschäft, das Raum für Innovationen zulässt gelingen. Und sie brauchen agile Methoden, damit sie auch umgesetzt werden. Und was eine Disruption und was eine Innovation ist, klären wir dann in einem anderen Beitrag.

Interesse am FedEx-Day und weiteren VOPA-Methoden? Melden Sie sich gern bei uns!

 

Von |2017-06-19T17:09:12+00:00Januar 20th, 2016|Blog|2 Kommentare

Über den Autor:

Willms Buhse
Dr. Willms Buhse ist Experte für Digital Leadership, Gründer und CEO von doubleYUU, einer Managementberatung spezialisiert auf die Digitale Transformation.

2 Kommentare

  1. Jörg Stark 20. Januar 2016 at 18:36 - Reply

    Wie wahr Willms. Insbesondere Dein Hinweis, dass es in vielen alten Industrien oder tradierten/ regulierten Marktsegmenten nur durch Transformation (statt Chaneg-Turbo) geht. Die Zukunft muss – im besten Sinne- „verdient“ werden. Operative Stabilität sichern, Bestandsgeschäft ausbauen und ggf. vorsichtig umsteuern, müssen neben Transformations- und Innovationsbemühungen das Fundament bleiben. Hier beginnt dann unternehmerische Kunst bzw. „gutes Management“ ? indem ein Gleichklang zwischen Bewahren und Veränderung erzeugt wird und Abstoßungsreaktioneb minimiert werden. Startups haben da eine andere Ausgangsbasis – zum Glück!
    Danke für Deine Einblicke in eine spannende Diskussion bei Otto.

    • Willms Buhse
      Willms Buhse 21. Januar 2016 at 11:03 - Reply

      Sehr gern und vielen Dank und für Dein Feedback! Ahoi, Willms

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