Verbessern statt Zerstören: Was die deutsche Wirtschaft in der digitalen Transformation von Japan lernen kann

Bevor wir uns der Frage widmen, was der deutsche Mittelstand von Japan lernen kann, möchte ich mich erst einmal bei der Deutschen Bahn bedanken. Denn ohne die typische ICE-Verspätung wäre vielleicht die Zeit knapp geworden, die  der von mir sehr geschätzte Björn Eichstädt brauchte, seinen wunderbaren Text darüber zu schreiben, warum das Land der aufgehenden Sonne noch immer ein Technologie-Pionier ist, wir hier in Deutschland aber leider nur so wenig davon mitbekommen.

Eichstädt veröffentlichte seinen gelungenen Artikel beim deutschen Wired-Nachfolger ie9. Bei mir traf er gleich zwei Nerven. Zum einen erinnerte er mich an meine Zeit in Tokio (inklusive gut gemeinter Einladungen zum lokalen Bratwurst-Essen) und die Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen wie Panasonic, Softbank und NEC. Zum anderen macht der Kommunikationsexperte einen Punkt, über den es sich tatsächlich lohnt etwas länger nachzudenken:

Die Innovationsvorbilder Silicon Valley und China setzen überwiegend auf disruptive Zerstörung

Statt immer nur auf das Silicon Valley oder jetzt auch gerne nach China zu schauen, wenn es um Innovation und Disruption geht, sollten die deutschen Wirtschaftslenker ihre Aufmerksamkeit doch auch gerne einmal in Richtung Nippon wenden. Denn Innovation funktioniert dort oft anders als in anderen Ländern. „Sie verläuft langfristiger, ganzheitlicher, allumfassender, kundenzentrierter, evolutiver.“

Er schreibt:

„Convenience für alle! So könnte man das Motto Japans in Sachen Entwicklung betiteln. Technologie dient im Land der aufgehenden Sonne vor allem dazu, das Leben besser und komfortabler zu machen. Und damit es bequem ist, heißt das eben auch: es nicht zu neu zu machen. Step by step, sagen meine japanischen Kontakte gerne. Erst, wenn alle im Boot sind, geht es weiter. Altes mit Neuem verbinden, on the shoulders of giants. So schaffen es die Japaner, auch bei älteren Semestern Akzeptanz für Technologie zu schaffen.“

Der Unterschied zwischen Japan und China am Beispiel Mobile Payment

Um diese These zu illustrieren, bringt Eichstädt ein wunderbares Beispiel aus dem Bereich Mobile Payment. In China ist es teilweise fast schon unmöglich, mit Bargeld zu zahlen (übrigens ein Problem, wenn die Gesichtserkennung mit Atemschutzmasken in Zeiten von Corona nicht funktioniert). Anders in Japan. Dort konzentriert sich beispielsweise das Start-up Coiney auf Lösungen, die alle Zahlungsmethoden respektieren. „Wer in japanischen Supermärkten einkauft oder ein Taxi bezahlen will, der hat die Wahl zwischen Bargeld, Bankkarten, Prepaid-Karten aus dem ÖPNV, Kreditkarten oder diversen Mobile Payment Systemen“, schreibt der Japan-Experte. Entsprechende Geräte gäbe es als fest installiertes Terminal oder auch als mobile Geräte. „Alle mitnehmen, Integration statt Disruption – das ist der Fokus der japanischen Innovatoren. Denn am Ende ist es Teil der japanischen Kultur, dass das Wohl der Gruppe und des Kunden über allem steht. Auch über individualistischen Innovationsideen.“

Der Ansatz, dass es auch um Integration, statt ausschließlich um Disruption gehen muss, gefällt mir. Und deshalb passt er auch so gut in unser oft vom Ingenieurswesen geprägtes Unternehmertum. Wir wollen Dinge optimieren und integrieren, effektiver oder nachhaltiger machen und eben nicht komplett zerstören und neu aufbauen. Letzteres ist das Mindset von hungrigen und aggressiven Start-ups, die ganze Märkte umstürzen und im Sturm erobern wollen. Dies entspricht aber oft nicht der Denkweise eines Familienunternehmens. Und noch fehlt es an Beweisen, dass die Zerstörung, wie von vielen – ebenfalls sehr lauten und aggressiven – Businessvordenkern propagiert, tatsächlich der heilige Gral in unserer heutigen Wirtschaftswelt ist.

Neben der wirtschaftlichen Dimension hat die Transformation immer auch eine gesellschaftliche. Und hier glaube ich, dass das Modell der Integration weit besser zu unserem europäischen Mindset passt. Es gehört zu den Grundprinzipien des gelebten europäischen Gedankens, immer alle mitnehmen zu wollen. Diese Grundhaltung sehe ich weder im shareholder-getriebenen Silicon Valley noch in China.

Digitale Transformation gelingt, wenn sie strategisch, optimistisch, aber auch integrierend vorangetrieben wird

Der japanische Ansatz ist sicher nicht für jede unternehmerische Herausforderung die richtige Strategie, aber zumindest eine Überlegung wert. Eines ist demnach wichtig: Wenn wir Geschäftsmodelle und Unternehmensorganisationen transformieren und fit für die digitale Zukunft machen wollen, dann müssen Unternehmen nicht zwanghaft schauen, wie die Googles dieser Welt im Silicon Valley ihre Geschäfte führen und neue Produkte entwickeln oder wie in China Innovation mit rücksichtsloser Hochgeschwindigkeit durchgedrückt wird. Es lohnt, den Blick noch weiter nach Osten schweifen zu lassen.

Ich bin davon überzeugt: Die digitale Transformation gelingt in Unternehmen dann am besten, wenn sie strategisch, optimistisch, aber auch integrierend vorangetrieben wird.

Über den Autor: Willms Buhse

Willms Buhse
Dr. Willms Buhse, CEO und Gründer von doubleYUU, bringt mit Digital Leadership die Innovationen des Silicon Valley in die Büros der deutschen Führungsetagen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele Top-Manager wie Volkmar Denner (Bosch) oder Carsten Spohr (Lufthansa) zählen zu seinen Kunden. Er hält Vorträge in Harvard, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an deutschen Elite-Universitäten in Berlin, München oder Hamburg. Dr. Willms Buhse gilt über deutsche Grenzen hinaus als Vordenker der digitalen Elite. Wie kein Zweiter versteht er es, Ideen und Impulse aus der digitalen Welt auf die Realität deutscher Unternehmen zu übertragen.