Homeoffice-Fatigue: Wie Führungskräfte die Pandemie produktiv überstehen und dabei mental in Spur bleiben

In vielen meiner virtuellen Gespräche mit Führungskräften höre ich immer wieder von einem neuen Grad der persönlichen Erschöpfung in der Corona-Zeit. Und das überraschenderweise nicht nur von den mehrfach belasteten Homeschooling-Eltern, sondern aus allen Altersschichten. Dabei sind wir ja eigentlich anpassungsfähige Wesen, die sich auch in ungemütlichen Situationen zurechtfinden. Stress können wir „reframen“ oder „copen“, also ressourcenorientierte und neue Wege finden, mit ihm umzugehen.

Diese Pandemie bringt vor allem zweierlei für uns alle mit sich: Große und kleine Unsicherheiten und Veränderungen. So viele persönliche und gesellschaftliche Veränderungen hat es so komprimiert zumindest in der jüngeren Vergangenheit noch nicht gegeben. Von Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen bis hin zu existenziellen Ängsten um Unternehmen und Arbeitsplätze.

Fragen wie „Wie geht es weiter?“ oder „Wann geht es weiter?“ lassen sich derzeit kaum beantworten. Das stört unser menschliches Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersehbarkeit massiv. Normalerweise lösen wir solche Konflikte über den Kontakt mit anderen Menschen. Nichts puffert Stress so gut ab wie bedeutungsvolle soziale Kontakte. Nur sind diese jetzt erheblich eingeschränkt.

Das ist eine echte Herausforderung. Denn eigentlich geht unser Gehirn bei all diesen kleinen Interaktionen mit anderen Menschen, die wir an einem Tag so haben, ständig kleinen Hinweisen nach, dass alles okay ist. Nun sind wir aber allein, was unser Gehirn wiederum dazu zwingt, sich ebenfalls allein zu beschäftigen – mit der Unsicherheit und Angst, die die aktuelle Situation mit sich bringt.

Unsere normalen Ablenkungsstrategien machen das teilweise auch nicht besser. Denn die meisten von uns lesen in solchen Situationen vor allem viele Nachrichten, um alles an Informationen aufzusaugen, einzuschätzen und zu ruminieren (das schöne Wort dafür, sich gedanklich im Kreis zu drehen). Das bedeutet wiederum dann vor allem eins: Kumulierter Stress, auch „Allostatic Load“ genannt. Wir sind also nicht müde, weil wir unseren Körper so viel benutzen, sondern weil unser Gehirn Überstunden macht, denn wir erleben große Unsicherheiten und haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, diese abzupuffern.

Wir sind dem jedoch nicht schutzlos ausgeliefert. Einige Kniffe gibt es über die alltäglichen Homeoffice-Tipps und innovativen Management-Methoden wie OKRs (Objectives und Key Results) hinaus, die Führungskräften helfen, produktiv und mental gesund durch diese Zeit zu navigieren:

 

Unsere Tipps:

  1. Bei virtuellen Calls oder auch Events gilt: Vorbereiten ist die halbe Miete
    1. Wir sitzen alle als Menschen da: Ein Check-In am Anfang (Was brennt Dir gerade auf der Seele?) und ein Check-Out am Ende können die sozialen Kontakte, die sonst beim Betreten und Verlassen von gemeinsamen Räumen stattfinden, teilweise ersetzen.
    2. Video-Calls eignen sich sehr gut, um zumindest einen Teil der nonverbalen Kommunikation aufzufangen. Die dauernde Beobachtung durch Kolleg*innen in Video-Calls ist jedoch nicht unser natürliches Habitat. Hilfreich dafür ist eine Blurr-Funktion für den Hintergrund und einfach das Ein- und Ausschalten von Video und Ton.
    3. Diskussionen und die Suche nach Konsens sind online noch anstrengender als offline. Bereiten Sie gut vor und nach, kappen Sie deswegen Meetings zeitlich (45–60 Minuten, danach 10 Minuten Pause) und legen Sie im Team Entscheider fest oder auch die Option, die Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt zu treffen.
  1. Körperlich distanzieren, sozial zusammenrücken: Virtual Coffee Dates
    1. Auch das kann „the new normal“ sein. Stellen sie sich an ihre Kaffeemaschine zu Hause und schnacken Sie virtuell mit den Kollegen. Das hilft dabei, nicht nur in bedeutungsschweren Telefonkonferenzen Inhalte zu besprechen, sondern sich einfach menschlich zu begegnen.
  1. Deep Work ermöglichen
    1. Die dauerhafte Erreichbarkeit und der konstante Informationsfluss können sich im Kreis drehende Gedanken noch verstärken. Suchen Sie sich deswegen Ihre Zeiträume am Tag, an denen Sie sich gezielt mit dem Weltgeschehen auseinandersetzen. Das gilt ebenso für Mailprogramme & Telefone: Schalten Sie alles aus, wenn Sie konzentriert etwas erarbeiten wollen.
  1. Die eigenen Akkus aufladen: Bewegung
    1. Bewegung puffert auch Stress ab. Sportler kennen es: Wir müssen Energie investieren, um Energie zu bekommen. Also raus an die frische Luft und bewegen Sie sich.
  1. Akzeptanz: Die schwierigste aller Übungen
    1. Die Situation ist gerade herausfordernd. Die Gefühle, die damit in Zusammenhang stehen, einmal wirklich zu fühlen, hilft, sie danach auch gehen zu lassen.

 

 

Credits: Photo by Pim Chu on Unsplash

Über den Autor: Willms Buhse

Dr. Willms Buhse, CEO und Gründer von doubleYUU, bringt mit Digital Leadership die Innovationen des Silicon Valley in die Büros der deutschen Führungsetagen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele Top-Manager wie Volkmar Denner (Bosch) oder Carsten Spohr (Lufthansa) zählen zu seinen Kunden. Er hält Vorträge in Harvard, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an deutschen Elite-Universitäten in Berlin, München oder Hamburg. Dr. Willms Buhse gilt über deutsche Grenzen hinaus als Vordenker der digitalen Elite. Wie kein Zweiter versteht er es, Ideen und Impulse aus der digitalen Welt auf die Realität deutscher Unternehmen zu übertragen.