Netz-IQ: In der Gruppe intelligenter als einzeln

Gemeinsam sind wir stark, in einer Gruppe ist man unschlagbar – soviel ist schon mal klar. Aber ist eine Gruppe auch unschlagbar schlau?

Forscher von Microsoft sind dieser Frage einmal systematisch nachgegangen. Sie wollten wissen, wie es um die Intelligenz der versammelten Netzbesucher bestellt ist. Sind die Vielen wirklich klüger als der Einzelne? Tatsächlich wurde deutlich, dass der gemessene Gruppen-IQ deutlich höher lag als der individuelle IQ. Kleinere Gruppen erzielten bessere Ergebnisse als große Gruppen und der Gruppen-IQ war bis zu 20 Prozent höher als der IQ des Einzelnen.

Der Gruppen-IQ liegt deutlich über dem individuellen IQ. Grün steht hier für den maximalen IQ der Einzelnen, rot (simple majority aggregator with lexicographical tiebreaking) für die Gruppenwerte aus einfacher Mehrheits Aggregation und blau (machine learning aggregator) für maschienenbasierte Aggregation der Gruppe. Quelle: Microsoft Research: Crowd-IQ – Aggregating Opinions to Boost Performance

Aber wie kann man den Netz IQ überhaupt messen? Microsoft hat dazu Gruppen Standard-Intelligenztests ausfüllen lassen. Die Ergebnisse wurden dann mit denen von einzelnen Testteilnehmern verglichen.

Viele in der Netzgemeinde, die an die Intelligenz der Crowd glauben, dürften sich durch diese Ergebnisse bestärkt fühlen. Schon lange ist für die Web-Community klar: Gemeinsam können besser Ergebnisse erzielt werden als alleine. Auch der Buchautor James Surowiecki vertritt die Meinung in seinem Buch “Die Weisheit der Vielen”, Gruppenentscheidungen seien oft nachhaltiger als Einzelentscheidungen.

Aber sind die Vielen im Netz wirklich immer klüger? Lässt sich die Intelligenz zum Beispiel auch auf Fragen der Politik, Philosophie oder Ethik anwenden? Zweifel kommen auf, wenn man vom Onlineaufruf zur Lynchjustiz des (inzwischen als unschuldig entlassenen) 17-jährigen Verdächtigens im Fall Lena hört. Nach einem Aufruf über Facebook hatten sich rund 50 Menschen vor der Polizeiwache in Emden versammelt um in das Gebäude einzudringen und Selbstjustiz auszuüben. Zwar ist die Wut und Ohnmacht der Menschen zu begreifen, jedoch gilt in der Gesellschaft dass ein Verdächtiger erst schuldig ist, wenn ihm die Tat nachgewiesen werden kann.

Auf der einen Seite kluge Gruppe, auf der anderen Seite der tumbe Mob? Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher einen Intelligenztest, der auf abstrakt logischem Denken basiert, die soziale Intelligenz wird also nicht  gemessen. Daher lässt sich die vermeintliche Gruppenintelligenz nicht auf gesellschaftliche Fragen übertragen.

Das Web 2.0, in diesem Fall Facebook, bietet vielen die Möglichkeit als „Opinion Leader“ aufzutreten und Gruppen zu bilden. Diese Gruppen sind zwar ähnlich, wie in der Untersuchung von Microsoft, homogen; befassen sich aber mit Fragestellung bei denen es nicht darum geht logisch zu denken sondern zwischen gesellschaftlich falsch und richtig zu entscheiden. Das ist in der Gruppe genauso komplex, wie für eine einzelne Person, egal ob off- oder online.

Von | 2017-01-13T15:42:27+00:00 April 3rd, 2012|Blog|0 Kommentare

Über den Autor:

Willms Buhse
Dr. Willms Buhse ist Experte für Digital Leadership, Gründer und CEO von doubleYUU, einer Managementberatung spezialisiert auf die Digitale Transformation.

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